Initiation Teil-1 Der freie Fall
- connecbassier
- 11. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Jan.

Mein Herz schlägt wild.
Ich hänge an einem Ast einer alten Rotbuche, zwanzig bis fünfundzwanzig Meter über dem Boden.
Wir haben eine lange, alte Aluleiter aus der Garage meiner Großtante geholt und über den Acker bis zu diesem Baum geschleppt.
Ich und mein Cousin. Dreizehn Jahre alt.
Wir haben uns Grundzüge der Seiltechnik angeeignet und wenden sie jetzt an.
Nicht theoretisch.
Leibhaftig.
Die Rotbuche ist auf einer Seite nahezu astfrei.
Ganz oben ragt ein einzelner, oberarmdicker Ast drei Meter weit heraus.
In seiner Mitte eine Bandschlinge, ein Karabiner, das Seil umgelenkt.
Am einen Ende hänge ich.
Am anderen Ende sichert mich mein Cousin.
Ich spüre meinen Körper.
Das Herz.
Die Spannung.
Adrenalin.
Ich rufe:
"1 – 2 – 3 – 4 – Action!"
Und lasse los.
Das Seil fängt mich etwa zwei Meter über dem Boden ab.
Die Dehnung ist weich – und doch hart genug,
dass eine Welle durch meinen Körper geht.
Endorphine!
Körpereigene Drogen!
Präsenz.
Ich schaue zu meinem Cousin.
Mit großen Augen.
Er schaut zu mir – mit ebenso großen, weit aufgerissenen Augen.
Wir wissen beide ohne Worte,
dass hier gerade etwas geschehen ist.
Freude.
Innerer Tanz.
Geteiltes Verstehen.
Ohne Sprache.
Dann ist er dran.
Dasselbe Ritual.
"1 – 2 – 3 – 4 – Action!"
Die Leiter gibt uns schnellen Zugang nach oben.
Unser Ziel wird klarer:
Die Grenze weiter verschieben.
Am Ende des Sprungs –
mit eingerechneter Seildehnung –
mit den Zehenspitzen den Boden berühren.
Das erfordert Präzision.
Klarheit.
Vertrauen.
Mein Cousin bleibt exakt an derselben Position stehen,
damit sich nichts verändert.
Ich klettere wieder nach oben.
Zentimeterweise mehr Schlappseil.
Immer näher an diese Grenze.
Der Sprung.
Die Zehenspitzen berühren den Boden.
Wieder dieser Blick.
Wieder diese wortlose Übereinkunft.
Freude.
Stille Ekstase.
Am Ende des Tages bauen wir alles zurück.
Tragen die Leiter in die Garage.
Fahren mit unseren Fahrrädern davon.
„Na Jungs, wart ihr wieder Baumklettern?“
„Ja, Tante.“
„War’s gut?“
„Ja.“
Alle anderen wussten nicht,
was dort geschehen war.
Und sie hätten es auch nicht nachempfinden können.
Nicht durch Erzählung.
Nicht durch Erklärung.
Es war leibhaftige Erfahrung.
Echt.
Unmittelbar.
Ein Initiationserlebnis –
selbst organisiert, ohne Väter.
Gesünder und risikoärmer wäre es
mit ihnen gewesen.
Doch das Bedürfnis war da.
Und es fand seinen Weg.
So verstehe ich heute Begleitung.
Ich stehe nicht oben im Baum.
Ich dränge niemanden.
Ich halte den Raum.
Ich bin der Sichernde am Boden.
Der andere geht in seinen freien Fall.
Nicht blind – sondern im Vertrauen.
Grenzerfahrung,
gehalten in einem sicheren Rahmen.
Verstehen ohne Worte.
Initiation.
Und das Betreten eines neuen Landes –
vielleicht eines, das nie betreten wurde,
aber als teil-unbewusster Teil in uns darauf wartet,
gelebt und erlebt zu werden
als Entwicklung hin zur menschlichen Reife.
© Martin Bassier




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