Teil-3 Wenn der Ruf keinen Ausdruck findet
- connecbassier
- 22. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Wenn ein innerer Ruf nicht beachtet wird, verschwindet er nicht. Er wartet nicht geduldig, er wird auch nicht leiser. Er sucht sich Wege und Ausdrucksformen. Da ist etwas in ihm in Bewegung ist, das gelebt werden will – ohne dass ihm diese innere Notwendigkeit bewusst sein muss. Dieser innere Ruf gehört zum Menschsein selbst. Er wirkt auch dann, wenn er nicht verstanden, nicht benannt und nicht gehalten wird.
Der Tiefenpsychologe und Zen-Lehrer Karlfried Graf Dürckheim hat diesen Zusammenhang immer wieder beschrieben. In Übereinstimmung mit C. G. Jung weist er darauf hin, dass sich der Mensch zwar weit von seinem inneren Ursprung entfernen kann, nicht jedoch vom Wirken dieses Ursprungs in sich selbst:
**„Wie weit sich der Mensch auch in den Ordnungen seines Bewußtseinsvom Sein entfernt haben mag,aus dem Grunde seines Wesenshat er doch bleibend teilan dessen lebendigem Wirken.Wie in allem, was lebt, wirkt das wesenhafte ›Sein‹auch im Menschen ohne sein Zutunals das göttliche Leben,das unablässig darauf drängt,sich im Hervorbringen und Vollenden seiner Gestaltenzu manifestieren.
Aus diesem im Wesen lebendigen Drangstrebt, ohne es zu wissen,auch der im Ichgehäuse befangene Menschimmer danach,in den Segen des Seins zu gelangen.
Im Grunde ist dieser Drang des Lebens ans Lichtdie zentrale Triebkraftalles menschlichen Lebens überhaupt.“**
— Karlfried Graf DürckheimPsychologe und Zen-Lehrer, begleitete Menschen über 60 Jahre auf dem inneren Weg.
Was wir heute gesellschaftlich beobachten, sind vor diesem Hintergrund keine Zufälle. Fußballstadien, in denen Tausende – meist Männer – lautstark und roh brüllen. Extremsport, bei dem Risiko bewusst gesucht wird. Kombinationen aus Leistung, Rausch und Enthemmung, etwa Skifahren und anschließendes Grölen beim Après-Ski. Alkohol, Drogen, Grenzüberschreitungen, Exzesse in gesellschaftlichen Parallelwelten wie an Orten der Reeperbahn. Schlägereien, Selbsttests, Dauerleistung, Arbeitssucht, Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung. All das wirkt auf den ersten Blick destruktiv, sinnlos oder unreif. Und doch folgt es einer inneren Logik. Die Richtung stimmt oft. Die Form nicht – vor allem dann, wenn sie zum Dauermuster wird.
Lautstärke, Ablenkung und Exzesse lösen für kurze Zeit das Alltags-Ich auf. Risiko bringt Wachheit, frei von den sonst ständig bewertenden, ordnenden und kontrollierenden Gedanken. Für einen Moment verschwindet das kommentierende Ich. Es bleibt Präsenz, pures Erleben. Gruppe erzeugt Zugehörigkeit, Gefahr verleiht Bedeutung. Das sind archaische Mechanismen, alt und tief im Menschen verankert. Selbst im Tierreich finden sich Entsprechungen. Auch dort sucht Leben gelegentlich Entrückung aus dem Gewohnten.Zum Beispiel knabbern Fliegen auch mal an einem Fliegenpilz für einen guten Rausch.
Das Problem ist nicht dieses Bedürfnis nach Entrückung. Das Problem ist, dass es in unserer westlichen Welt kaum noch eingeordnet wird. Es fehlt nicht an Intelligenz, nicht an Disziplin, nicht an Wissen, sondern an Sprache für ein inneres Verlangen, das älter ist als unsere Konzepte und in tiefen Schichten unseres Nervensystems verankert liegt – dort, wo das Archaische zu Hause ist. In früheren Kulturen wusste man um diese Kräfte. Man schuf Übergänge, benannte Schwellen, bereitete Menschen vor und erwartete sie zurück. Heute geschieht vieles davon unbewusst.
Der moderne Mensch, besonders der Mann in der westlichen Leistungsgesellschaft, steht dabei zwischen widersprüchlichen Bildern. Männlichkeit gilt schnell als problematisch, Stärke als toxisch, Grenzerfahrung als Risiko. Gleichzeitig fehlt jede positive, verkörperte Alternative. Kaum ein klares Bild davon, wie Kraft, Mut, Präsenz und Verantwortung in eine reife Form finden können. Wo Orientierung fehlt, entsteht Überkompensation. Nicht selten fehlt auch eine gute, gütige, geduldig führende Vaterfigur oder die archetypische Figur die C.G.Jung den „Psychopompos“ (Grenzführer) nannte. Das Vergessen der Wichtigkeit dieser Figuren geschah nicht aus Schuld, sondern aus gesellschaftlichen Brüchen. Und auch Institutionen, die früher Halt gegeben hätten, verfügen oft nicht mehr über dieses Wissen über diese Grenzbegleiter.
So organisieren sich viele Menschen ihre Initiationen selbst: unbewusst, oft riskanter als nötig, ohne Vorbereitung, ohne Deutung, ohne Nachbesprechung und Integration. Die Erfahrung geschieht, doch sie findet keinen Platz oder eine Einordnung im Leben. Etwas wird berührt, aber es geht dann schnell zurück an die Oberfläche und kann nicht in der Tiefe reifen. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen bloßer Grenzerfahrung und Entwicklung. Ohne Rahmen wird aus Intensität kein Sinn, keine Wandlung der Person (griechisch persona: das, was durch die Maske hindurchtönt). Ohne Einordnung wird aus Erfahrung keine Reife. Ohne Begleitung bleibt das Erlebte fragmentiert. Der Ruf war echt. Die Antwort blieb unvollständig – und oft voller Risiko.
Was braucht dieser Ruf, um nicht zu entgleisen?

Was braucht er, um zu reifen?




Kommentare